Geschichte der Arbeiterjugend

1925 - 1932: Die Roten Falken und ihre Kinderrepubliken

1925 - 1932: Die Roten Falken und ihre Kinderrepubliken

Die Roten Falken

Die Entstehung der Roten Falken in Österreich

„Wir sind Arbeiterkinder und wir sind stolz darauf“ war der Spruch der Kinderfreunde, der ihr Selbstbewusstsein und ihre Solidarität zum Ausdruck brachte. Dann aber kam etwas, was das Zusammengehörigkeitsgefühl der Kinderfreundebewegung noch weit stärker wachsen ließ.

Der Redakteur der Zeitschrift „Kinderland“ der österreichischen Kinderfreunde, Anton Tesarek, veröffentlichte in der Ausgabe vom Juni 1925 eine seiner vielen Geschichten. Sie handelte von vier Jungen, die Tesarek angeblich in einer Kinderfreundegruppe getroffen habe und die mit einem grünen Wimpel, in den ein roter Fleck eingenäht gewesen sei, mit den anderen Kindern mitwanderten.

Diese hätten dem Redakteur dann eine Geschichte erzählt, wie sie immer im Park spielten und kleine Abenteuer mit dem Parkwächter und Polizisten erlebten. Sie hätten sich Prüfungen für neue „rote Falken“ gegeben, zu denen einerseits typische Anforderungen der Kinderfreunde und andererseits bestimmte Fähigkeiten gehörten. Sie müssten beispielsweise zehn Namen von Arbeiterführern wissen und das „Lied der Arbeit“ singen können, einen Ball flicken, drei Minuten schwimmen und auf zwei Fingern pfeifen können. Außerdem müsste der neue „rote Falke“ Mitglied bei den Kinderfreunden und den Arbeiterturnern sein, sauber zur Gruppe kommen und wichtige Gruppenaufgaben erledigt haben.

Diese Kinder hätten sich ihren Namen - so ging die Geschichte in der nächsten Ausgabe der Zeitung weiter - gegeben, als sie beim Völkerballspiel zwei Falken beobachten konnten:

"Wir haben gerade ein ganz wildes Spiel gehabt. Völkerball. Ihr wisst doch, dass Völkerball immer recht lebendig gespielt werden muss. Es waren fast alle Spieler abgeschossen, nur der „Freiwillige“ ist immer hin und her gesprungen. Er hat sich so geschickt gedreht und geduckt und ist dann wieder gesprungen, dass wir ihn gar nicht erwischt haben.

Wir waren ganz wild. Da auf einmal schreit der Karl: „Schaut, schaut!“ Ich habe gerade den Ball gehabt und schau, wohin er zeigt. Da sind am grünblauen Himmel - es waren gar keine Wolken da - zwei Falken geflogen. Aber man kann gar nicht sagen, dass sie geflogen sind. Die zwei Vögel sind so herrlich in der weiten, warmen Abendluft gelegen. Sie haben immer nur ein paar ganz kleine Flügelschläge gemacht und sind dadurch wieder ein bisschen höher hinaufgekommen. Sie waren ganz ruhig, aber trotzdem haben wir alle deutlich gespürt, wie stark und trotzig sie sein müssen. Und wie kühn.

Wir haben dann gleich wieder weitergespielt und die zwei Falken sind fortgeflogen. Als wir dann nach Hause gegangen sind, hat auf einmal einer von uns über die Falken geredet und gemeint: „Es müsste schon schön sein, auch so fliegen zu können.“ Und ein anderer: „Und so überall hin können! So hoch hinauf können.“ Dann hat einer gesagt: „Wisst’s was? Jetzt haben wir einen feinen Namen. Wir nennen uns Rote Falken.“

Erster Falke 1926Der Name „Rote Falken“ verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Aus ganz Österreich, der Tschechoslowakei und Deutschland kamen Anfragen, wie man Roter Falke werden könnte. Überall gründeten sich Rote-Falken-Gruppen. Der Gruß „Freundschaft“ entstand. Im Jahr 1926 tauchten die ersten Falkensymbole auf.

Dieses neue Konzept entstand nicht zufällig. In Österreich, wo die Kinderfreunde vor allem Horte für proletarische Kinder betrieben, kamen immer weniger Ältere und darunter kaum noch Jungen. Anton Tesarek schlug deswegen vor, Methoden aus der erfolgreichen Pfadfinderbewegung zu übernehmen. Damit war der einprägsame Name, die Kluft, das gemeinsame Abzeichen sowie die Aufteilung der Kinder in  verschiedene Altersstufen und eine stärkere Selbstorganisation der Gruppen verbunden. Außerdem sollten mehr Aktivitäten wie Wandern und Spiele in der Natur stattfinden.

Die Roten Falken in Deutschland

Die Falkenbewegung verbreitete sich 1926 in ganz Deutschland. Nun setzten sich bei den Kinderfreunden die blauen Kittel durch. Auf die Ärmel wurden Falkenabzeichen genäht. Jede Gruppe bekam einen Falken-Wimpel. Die Reichsarbeitsgemeinschaft hieß zwar wie bisher „Kinderfreunde“, aber die Kinder in den Gruppen nannten sich nun „Falken“. Falke zu sein, war etwas Besonderes und darauf waren die Kinder stolz.

 

Im Nachhinein ein pädagogisches Konzept

Um dem Ganzen ein Konzept und einen offiziellen Rahmen zu geben, diskutierte die Reichstagung der deutschen Kinderfreunde im Oktober 1927 über „Pädagogik und Psychologie“ der Altersstufen und schlug der darauf folgenden Reichskonferenz die Aufteilung in Altersgruppen vor. Es wurde beschlossen, die Kinder in die „Nestfalken“ im Alter von bis zu 10 Jahren, die „Jungfalken“ von 10 bis 12 Jahren und die „Roten Falken“ von 12 bis 14 Jahren einzuteilen. Während in Österreich nur die älteren Kinder zur Falkenbewegung gehörten, nannten sich in Deutschland alle Gruppen so.

An den Pfadfinder-Methoden und den Geboten und Prüfungen, die die Österreicher eingeführt hatten, gab es auch Kritik. Besonders die - allerdings formlose -  Aufnahmeprüfung für die Roten Falken stieß auf Widerspruch. In Deutschland entschied man sich für einen anderen Weg. Jedes Kind konnte ohne eine Aufnahmeprüfung Falke werden. Trotzdem sollte es Gebote und Verpflichtungen geben. Diese wurden auf der Reichstagung ebenfalls festgelegt:

Wir Jungfalken (Gebote und Geist)

1. Wir sind Arbeiterkinder. Wir sind stolz darauf.
2. Wir sind gute Genossen. Wir sind hilfsbereit.
3. Wir stehen fest zusammen. Wir halten Ordnung. Wir sind keine Spielverderber.
4. Wir sind zuverlässig.
5. Wir sagen mutig unsere Meinung.
6. Wir trinken keinen Alkohol, rauchen nicht und lesen keine schlechten Bücher.
7. Wir zerstören nichts mutwillig. Wir schützen die Natur.
8. Wir halten unseren Körper sauber und gesund.
9. Wir wollen Rote Falken werden.

Was wir Jungfalken wollen (Punkte)

1. Wir Jungfalken wollen wissen, wie die Arbeiterbewegung aufgebaut ist und wer ihre Vorkämpfer waren.
2. Wir wollen drei Kampflieder und drei Wanderlieder singen können.
3. Wir wollen wissen, wie ein Zelt gebaut wird.
4. Wir wollen schwimmen lernen.
5. Wir wollen uns im Gelände zurechtfinden können.
6. Wir wollen lernen, was wir bei Unglücksfällen zu tun haben.
7. Wir wollen nähen, flicken und stopfen können.
8. Wir wollen Handball, Schlagball und Völkerball nach den Regeln des Arbeiter- Turn- und -Sportbundes spielen können.

Wir Roten Falken (Gebote und Geist)

1. Wir Roten Falken bekennen uns zur Arbeiterklasse und treten für sie ein.
2. Wir beschimpfen und verleumden niemand.
3. Wir sind gute Genossen. Wir halten Disziplin und sind zuverlässig.
4. Wir sind Arbeiterkinder. Arbeiterjungen und Arbeitermädel gehören zusammen.
5. Wir sind hilfsbereit.
6. Wir schützen die Natur und achten alles, was zum Nutzen der Gesellschaft geschaffen wird.
7. Wir meiden und bekämpfen den Alkohol- und Nikotingenuss. Wir lesen nur gute Bücher.
8. Wir halten uns sauber und gesund.
9. Wir wollen Rote Falken der sozialistischen Jugendbewegung werden.

Was wir Roten Falken wollen (Punkte)

1. Wir Roten Falken kennen und erfüllen die Aufgaben der Jungfalken.
2. Wir helfen den Jungfalken.
3. Wir wollen die sozialistische Arbeiterbewegung und ihre Einrichtungen kennen.
4. Wir wollen die Republik und ihre Einrichtungen kennen.
5. Wir wollen Wanderkarten und Fahrpläne lesen und uns im Gelände zurechtfinden können.
6. Wir wollen bei Unglücksfällen helfen können.
7. Wir wollen Rettungsschwimmen üben.

Die Kinderrepubliken

Die bedeutendste Erfindung der Kinderfreunde mit der größten Außenwirkung waren die Kinderrepubliken. Diese pädagogischen Experimente mit unerwartet großem Erfolg waren ursprünglich mehr zufällig zu Stande gekommen.

Die Kinderrepublik Seekamp

Hochwasser in Seekamp 1927Auslöser waren die Braunschweiger, die von ehemaligen Wandervögeln unter dem Namen „Waldfahrer, Verein für Kinderwandern“ gegründet wurden. Sie führten bereits Pfingsten 1925 ein fünftägiges Zeltlager mit 180 Kindern durch. Im folgenden Jahr dehnten sie ihr Zeltlager auf zwei Wochen aus. Ihr Vorsitzender Hermann Neddermeyer schlug daraufhin dem Vorstand der Reichsarbeitsgemeinschaft vor, ein größeres Zeltlager auch für andere Gruppen zu veranstalten. Die Kieler Falken mit Andreas Gayk erklärten sich dazu bereit. Zunächst wurde mit 500 Personen gerechnet, jedoch meldeten sich innerhalb eines halben Jahres über 2.000 Rote Falken an.

Die Kinder reisten bereits einige Tage vorher aus einem großen Teil der deutschen Bezirke, aus Österreich, Dänemark und der Tschechoslowakei an und wurden in Kiel bei Arbeitern untergebracht. Nach einer gemeinsamen Begrüßungsfeier und einem Zug zum Gewerkschaftshaus wurde die Kinderrepublik aufgebaut und eröffnet. Weil die Kinderfreunde mit einem so großen Lager noch keine Erfahrung hatten, stand der Erfolg mehrmals in Frage. So wurden in einer großen Solidaritätsaktion von Schrebergärtnern zentnerweise Gemüse und Kartoffeln gesammelt, weil die Nahrungsmittel nicht ausreichten. Ein anderes Problem war der tagelange Regen, der den Platz dermaßen aufweichte, dass die Helfer das Lager unterbrechen oder gar abbrechen wollten.

 

Andreas Gayk berichtete:

 „Am 22. Juni, also bereits fünf Tage nach dem Beginn des Zeltlagers, wurde das gesamte Gefüge der Kinderrepublik auf eine unerhört harte Probe gestellt. Ein wolkenbruchartiger Gewitterregen drohte die Zelte wegzuschwemmen. Das Wasser überschwemmte die Zeltgräben. Große Teile des Lagers wurden in wenigen Stunden in eine Moorlandschaft verwandelt. Besorgte Eltern und Freunde der Roten Falken erkundigten sich, ob man die Kinder nicht lieber in Privatquartieren in Kiel unterbringen solle. Die Entscheidung lag bei den Falken. Die Falken entschieden: Wir bleiben! Und mit einem Elan, der selbst für Seekamp ungewöhnlich war, wurden die Zelte in wenigen Stunden wieder wohnlich gemacht. (...) Die Falken hatten die schwerste Belastungsprobe der Kinderrepublik spielend bestanden. Das Lager stand, und zwar fester als zuvor.“

Diese Entscheidung war von dem durch die Kinder und Helfer gewählten Lagerparlament getroffen worden. Den Zweifeln einiger Helferinnen und Helfer setzten die Kinder ihren Willen und ihre gemeinsame Arbeit entgegen. Damit war das Zeltlager und das pädagogische Experiment gerettet. Mit einer bis dahin beispiellosen Trockenlegen des Zeltplatzes, Seekamp 1927Medienkampagne mit Rundfunk- und Zeitungsberichten, einem Film und einem Buch über das Lager präsentierten die Falken den Erfolg im ganzen Deutschen Reich.

Im nächsten Jahr gab es bereits mehrere Lager mit einigen tausend Kindern. In der Regel wurden die großen Kinderrepubliken mit 1.000 bis 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus mehreren Bezirken durchgeführt. Bei kleineren Lagern arbeiteten in der Regel mehrere Ortsgruppen zusammen. 1928 pachteten die Kinderfreunde mitten im katholischen Rheinland die Rheininsel Namedy bei Andernach für 10 Jahre und führten dort in den nächsten Jahren große Kinderrepubliken durch. Ab 1930 nahmen die Kinderfreunde auch die zehn- bis zwölfjährigen Jungfalken in die Kinderrepubliken mit und führten zusätzlich eigene Nestfalkenlager für die Sechs- bis Zehnjährigen durch. Zehntausende Kinder konnten mit den Falken Urlaub machen. Das fiel in der Öffentlichkeit auf und die Roten Falken wurden mit ihren Kinderrepubliken weithin bekannt.

Gemeinschaftsarbeit in den Kinderrepubliken

Das pädagogische Konzept der ersten Kinderrepublik war im Vorstand der Reichsarbeitsgemeinschaft ausgearbeitet worden.

Kurt Löwenstein schrieb 1929:

„Was wollen die Kinderfreunde mit unseren Kinderrepubliken? Unsere Roten Falken singen „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“, und die Kinderrepubliken sind gar nichts anderes als die praktische, kindlichem Können angepasste Verwirklichung dieses Gedankens. Denkt euch, die ihr diese Ausführungen lest, einmal in folgendes Erlebnis hinein:

2.000 Kinder kommen schwer bepackt mit Rucksäcken in geschlossenen Zügen mittags am Lagerplatz an. Der Lagerplatz ist eine große, grüne Fläche, und am Eingang dieses Platzes lagert eine große Menge verschnürter Zelte mit zugehöriger Zeltstange. Die Rucksäcke werden abgelegt und ein ungeheures Leben und Treiben beginnt. Tausende von Händen und Beinen regen sich. Es wird geschleppt, gegraben, geklopft und ein Zelt nach dem anderen wird auf vorher nach einem Plan festgelegten Plätzen errichtet. Mitten auf dem Platz an erhöhter Stelle ist ein Mast errichtet. Abends um 6 Uhr ertönen Alarmsignale und alle eilen unter Singen und Musizieren herbei, die rote Fahne wird gehisst und die Kinderrepublik steht. Glaubt ihr nicht, Arbeitereltern, dass Kinder, die sich aus eigener Arbeit eine solche Zeltstadt aufgebaut haben, einen Begriff von schaffender Arbeit für die Gemeinschaft haben? Für Kinder, die das einmal miterlebt haben, hat das Wort: „Wir sind das
Bauvolk der kommenden Welt" anschaulich Lebendigkeit, ist Wille und Tat zu gleicher Zeit geworden.“

Zeltaufbau KinderrepublikDie gemeinsame, genossenschaftliche Arbeit war im Zeltlager nicht Spielerei, sondern überlebensnotwendig. In der Kinderrepublik konnte die gemeinsame Verantwortung für die Gemeinschaft wesentlich besser gelernt werden als in der Gruppenstunde zu Hause. Alle Arbeiten, die anfielen, um die Kinderrepublik lebensfähig zu machen und zu erhalten, wurden möglichst auf alle Teilnehmer verteilt. Die Kinder regelten untereinander, welche Gruppe an welchem Tag welche Arbeit zu übernehmen hatte. An einem Tag übernahm beispielsweise ein Kind zusammen mit anderen für eine Nachtstunde die Lagerwache, am nächsten Tag half es beim Säubern des Dorfplatzes und am dritten Tag ging es mit anderen Gruppenmitgliedern zum Holzsammeln für das Lagerfeuer oder verteilte das Essen im Dorf. Auf diese Weise lernten die Falken, dass sie selbst ihre Republik gestalten mussten, wenn sie erfolgreich sein sollte.

Alle Arbeiten „sind dem kindlichen Können angepasste, aufgeteilte Gruppenarbeiten mit ausgesprochenem kollektiven Nutzen. In jeder Kinderrepublik wächst auf diese Weise kollektive Arbeitsfreude, kollektives Einpassen und kollektiv getragene Verantwortung. (...) Wir erziehen daher in der Kinderrepublik unsere Roten Falken für die Arbeitsart der werdenden modernen Gesellschaft“ schrieb Kurt Löwenstein im Jahr 1930.

Die Selbstverwaltung der Kinderrepubliken

Zu der Selbstverwaltung der Republik durch die Kinder gehörte die Mitbestimmung in den Dorfund Lagerparlamenten.

Für das Lagerparlament hatten Kinder und Helfer jeweils eine Stimme. Je nach der Größe des Lagers wurde auf 30 bis 50 Kinder eine Abgeordnete oder ein Abgeordneter gewählt. So kamen rund 50 gewählte Kinder und Helfer sowie die Lagerverantwortlichen für bestimmte Aufgabenbereiche mit beratender Stimme zusammen. In den einzelnen Zeltdörfern wurden Dorfparlamente gebildet, die sich aus den gewählten Zeltsprecherinnen oder Zeltsprechern der Gruppen, einigen Helferinnen oder Helfern und dem Bürgermeister zusammensetzten.

Es galt der Grundsatz, „dass die Kinder alles, was sie selber beraten und beschließen können, auch in die eigene selbsttätige Verantwortung übernehmen sollten. Aber ebenso war es Grundsatz, dass wir den Kindern nichts überließen, was jenseits ihres Könnens oder ihrer Einsicht liegt.“ Das zeigte die Grenzen der Selbstverwaltung auf: „Die Kinderrepubliken sind an sich keine wirklichen Staaten. Ohne die Versorgung durch die Gesellschaft der Erwachsenen von außen her ist keine Kinderrepublik möglich. Es gibt in dieser Kinderrepublik keine Steuern und keinen Haushaltsplan im Sinne der Staaten der Erwachsenen. Wollten wir solche Dinge nachahmen, würden wir eine unzulängliche Spielerei schaffen.“

Obwohl also wichtige Bereiche des Lagers wie z.B. die Finanzen nicht von den Kindern mitbestimmt werden konnten, gab es für das Parlament eine Fülle von Aufgaben. Es klärte organisatorische Fragen und Probleme des Zusammenlebens. Den Kindern kam in einigen Dingen große Verantwortung zu, wie das genannte Beispiel der Überschwemmung zeigt. Aber weil zunächst nur die ältesten Falken ab etwa 12 Jahren in die Kinderrepubliken fuhren, sie vorher bereits eine gewisse Zeit Gruppenmitglied sein mussten und meistens zu Pfingsten schon ein Probelager innerhalb ihres Bezirkes absolviert hatten, war die Gefahr gering, dass von unvorbereiteten Abgeordneten leichtfertige Beschlüsse getroffen wurden.

Internationale Solidarität

Bereits in der Kinderrepublik Seekamp waren ausländische Gruppen zu Gast: Falken aus Österreich, der Tschechoslowakei und Dänemark. Auch in den nächsten Jahren wurden Partnergruppen eingeladen, soweit dies organisatorisch möglich war. 1929 fand eine Internationale Kinderrepublik in Dänemark statt, an der von den 1.500 Kindern 500 aus Deutschland teilnahmen.

1930 organisierte die Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde nacheinander zwei Kinderrepubliken am Thuner See in der Schweiz, um die schweizerische Partnerorganisation aufbauen zu helfen. Außer 50 Schweizer Kindern nahmen am ersten Durchgang 1.700 deutsche Kinderfreunde teil. Um für die Schweizer Kinderfreundebewegung zu werben, wurden große Veranstaltungen und Feste in Thun und Umgebung durchgeführt und Gäste aus der organisierten Arbeiterschaft in das Lager eingeladen.

Noch spektakulärer war die Internationale Kinderrepublik „Solidarität“ in Frankreich 1932 in der Nähe von Paris. Frankreich galt als der Erzfeind Deutschlands. Die beiden Länder waren nicht nur im Krieg von 1870/1871 und im Ersten Weltkrieg Feinde gewesen, sondern stritten immer noch um das industriell bedeutsame Gebiet Elsass-Lothringen. Im Jahr 1931 nahm erstmals eine französische Kindergruppe an einem deutschen Kinderfreundelager teil und anschließend gründeten sich in Frankreich die ersten Gruppen der „Campeurs Rouge“. Die deutsche Kinderfreundebewegung hatte von der sozialistischen Erziehungsinternationale den Auftrag erhalten, die französische und belgische Bewegung zu unterstützen und aufbauen zu helfen.

Das Lager litt unter ungünstigen Umständen. Weil den Kinderfreunden die Fahrpreisermäßigung bei der Bahn gestrichen worden war, mussten die erhöhten Fahrtkosten bei Ausstattung und Verpflegung eingespart werden. Der Platz und die Badestelle waren nicht optimal und vor allem hatten weder die französischen Kinder noch ihre Helfer Zeltlagererfahrung. „Für unsere deutschen Helfer und Kinder war das Lager eine harte Probe“, urteilte Löwenstein. Obwohl die Umstände also weit ungünstiger waren, als es die Kinderfreunde gewohnt waren, wurden die Ziele voll erreicht. Dem wachsenden Nationalismus setzten die Falken ein sozialistisches Lager des Friedens und der internationalen Verständigung entgegen.

Das wurde nicht nur im Zeltlageralltag gelebt, sondern auch in die Öffentlichkeit getragen. In der französischen Presse erschienen täglich Artikel über das Zeltlager. Auch Zeitschriften aus Spanien, England, Belgien, der Schweiz, Österreich und den USA berichteten. Zu einer öffentlichen Feier kamen etwa 10.000 Besucher in das Lager.

Während der Kinderrepublik wurde in Paris die französische Kinderfreundebewegung offiziell gegründet. Für die knapp 20 Helferinnen und Helfer aus Frankreich war das Lager eine praktische Schulung in sozialistischer Erziehung. Das gleiche galt für die belgischen Jugendlichen, die für eine Woche am Zeltlager teilnahmen.

Die Wirkung der Zeltlager auf die Gruppenarbeit

Zeltlager wurden zum Höhepunkt in der Arbeit der Kinderfreunde und im Erleben der Kinder. Die Gruppen bereiteten sich auf diese Großereignisse vor, besprachen den Ablauf, überlegten, was sie mitnehmen sollten und informierten sich über die Gegend, in der das Lager stattfinden würde. Sie fuhren auf das Pfingstlager ihres Bezirkes und sammelten Spenden, damit alle Gruppenmitglieder die Möglichkeit hatten, an den Lagern teilzunehmen. Manchmal schossen die Gewerkschaften oder andere Verbände aus der Arbeiterbewegung größere Summen dazu.

In den Zeltlagern lernten die Gruppen neue Spiele, Tänze und Lieder. Die Helferinnen und Helfer hatten die Möglichkeit, sich über sozialistische Pädagogik auszutauschen und dabei etwas von den anderen Gruppen abzugucken. Die Reichsarbeitsgemeinschaft nutzte die Zeltlager zu praktischen Schulungen der Helfer in Theorie und Praxis der sozialistischen Erziehung. So wurde durch neue gemeinsame Erfahrungen die Arbeit vor Ort verbessert.

Verfolgung und Bekämpfung

Diese erfolgreiche Bewegung forderte ihre Gegner geradezu heraus. Besonders in katholisch geprägten, ländlichen Gebieten wie dem Rheinland oder Bayern sorgten die Falken mit ihrer Gemeinschaftserziehung, ihren roten Fahnen und ihren sozialistischen Liedern für Empörung bei den Konservativen. Außerdem lehnten die Kinderfreunde Religion in ihren Gruppen ab und sahen den Glauben als Privatsache an, der an öffentlichen Schulen keinen Platz haben sollte. Bereits 1925 wurde den Kinderfreunden in München der Festzug zum 1. Mai verboten mit der Begründung, es handele sich um eine politische Versammlung.

Besonders scharf bekämpfte die katholische Kirche die Kinderfreunde. Im Jahr 1928 berichtete ein päpstlicher Gesandter in Bayern, dass man sich in Rom „ernste Sorgen macht, dass sich in Deutschland, Bayern nicht ausgenommen, eine von Österrreich ausgehende Bewegung unter dem Namen Kinderfreundebewegung geltend mache, die dahin ziele, die Kinder außerhalb der Schule zu Vergnügungen und Vereinigungen verschiedenster Art heranzuziehen, um sie dem Einflusse der Eltern und der Kirche zu entziehen, sie der christlichen Religion zu entfremden und für die sozialistische Weltanschauung zu gewinnen.“ In der Erziehungsenzyklika „Über die christliche Erziehung der Jugend“ vom 31.12.1929 prangerte Papst Pius XI. die Kinderfreunde an: „Ganz besonders möchten Wir aber Eure Aufmerksamkeit, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, auf den beklagenswerten Verfall der häuslichen Erziehung in der heutigen Zeit lenken. (...) Es gibt sogar ein Land, in dem die Kinder dem Schoße der Familie entrissen werden, um sie den extrem sozialistischen Theorien entsprechend in Vereinen und Schulen zum Unglauben und zum Hasse heranzubilden (oder besser gesagt zu verbilden und zu verderben). Fürwahr ein neuer und noch viel entsetzlicherer Mord unschuldiger Kinder!“

Besonders heftig griff die katholische Kirche die Gemeinschaftserziehung der Kinderfreunde an. Die Gruppen der Kinderfreunde waren selbstverständlich gemischt. Lina Schwee aus Frankfurt erinnert sich an die Kinderrepublik Namedy 1929:

 „Auf Namedy haben die Katholiken von gegenüber mit Ferngläsern rübergeguckt und haben dann wüste Artikel in der Zeitung geschrieben von dem wüsten Treiben, dem amoralischen, unsittlichen Treiben in der Kinderrepublik. Kinder, Mädchen und Jungen im Badezeug zusammen im Wasser.“

1931 versuchte der Regierungspräsident von Koblenz, die Gemeinschaftszelte zu verbieten.

Wenn die Gegner der Falken mitbekommen hätten, dass Jungen und Mädchen, Männer und Frauen beim gemeinsamen Waschen oft nackt waren, wären sie noch viel entrüsteter gewesen. Aus Angst vor Angriffen der konservativen Presse vermieden die Kinderfreunde aber zumindest das Nacktbaden. Hermann Neddermeyer schrieb, „Im Kampf um restlose Durchsetzung unserer Auffassung von vernünftiger Körperkultur ist der Sieg aussichtslos, weil unsere Umwelt derart sexuell verkrampft ist, dass sie selbst das harmlose Wasserspiel von unbekleideten Jungen und Mädchen nicht verstehen würde.“

Duschen in der KinderrepublikIn Bayern wandte sich die katholische Kirche ab September 1928 verstärkt gegen die sozialistische Erziehungsbewegung. Bayern sollte Vorreiter eines allgemeinen Verbotes der Kinderfreunde werden.

Die aufstrebende NSDAP unterstützte dabei die Kirche. Die Kinderfreunde standen der Hitlerjugend im Weg. Sie waren nicht nur zahlenmäßig eine starke Konkurrenz, sondern sagten auch mit ihrer Weltanschauung den Nazis den Kampf an. Der Druck auf das zuständige bayerische Kultusministerium zeigte Wirkung. Zunächst verbot es im Jahr 1930 die geplante Kinderrepublik im oberbayerischen Hausham kurz vor dem Beginn. Als daraufhin kein Protest erfolgte, untersagte das Kultusministerium zehn Tage später, am 28. Juli 1930, den Schülern der Volksschulen und Berufsfortbildungsschulen die Teilnahme an allen Veranstaltungen der Kinderfreunde.

Das Verbot erreichte sein Ziel. Weder die SPD noch die Kinderfreunde protestierten. Einige Gruppen existierten zwar unauffällig weiter, aber kaum einmal wurde der Beschluss so offen missachtet wie im September 1931, als sich in Nürnberg Rote Falken mit ihren blauen Hemden und roten Fahnen zu einer Kundgebung trafen. Damit verschwanden die in Bayern die Kinderfreunde aus der Öffentlichkeit.

Auch in anderen Gegenden hatten die Kinderfreunde gegen wachsende Unterdrückung zu kämpfen. Das erste Nestfalkenlager in Munster wurde 1930 von der Reichswehr aufgelöst, weil die Kinder die Internationale gesungen hatten. Tragisch endete ein Überfall der Polizei auf das Rote Falken Lager des Bezirks Pommern im Jahr 1932. Sie erschoss den Lagerleiter Karl „Pfiffi“ Krull.

Drucken