Geschichte der Arbeiterjugend

1904 - 1908: Die Sozialistische Arbeiterjugend entsteht

1904 - 1908: Die Sozialistische Arbeiterjugend entsteht

Der Beginn der Arbeiterjugendvereine

Ein Selbstmord und seine Ursachen

Im Juni 1904 hängte sich der Lehrling Paul Nähring im Berliner Grunewald auf. Das war nichts Ungewöhnliches: die Situation der Lehrlinge war Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland so miserabel, dass es immer wieder zu Selbstmorden kam.

Um 1900 gab es noch keine gesetzlich geregelte Berufsausbildung. Nach der Gewerbeordnung ging die Erziehungsgewalt vom Vater auf den Lehrmeister über. Der hatte damit nicht nur das Recht

zu bestimmen, wie der Jugendliche seine Freizeit verbrachte, sondern durfte ihn auch schlagen. Auch der Körper von Paul Nähring war mit Blut und Striemen bedeckt. Die Jugendlichen hatten keine Möglichkeit, sich zu wehren.

Aber nicht nur die Misshandlungen machten den Lehrlingen das Leben schwer. Es war noch üblich, dass die Lehrlinge im Haus des Meisters wohnten und dort verpflegt wurden. Die Jugendlichen mussten deswegen nach einem schweren Arbeitstag auch noch im Haushalt mitarbeiten. Damit verlängerte sich die Arbeitszeit auf bis zu 13 oder 14 Stunden.

Das Handwerk geriet mehr und mehr unter den Konkurrenzdruck durch die Industrie und kämpfte um sein Dasein. Mit ihrer Handarbeit konnten die Meister nicht so billig produzieren wie die großen Fabriken mit ihren Maschinen. Das hatte Folgen: Die Meister stellten bis zu zehn Lehrlinge ein und beuteten sie als billige Arbeitskräfte aus. Die Neuen waren gut für Hilfsarbeiten, die Älteren ersetzten die Gesellen. Sie erhielten geringen Lohn oder mussten sogar noch Lehrgeld zahlen.

Hatte ein Lehrling ausgelernt, wurde er entlassen. Seine Berufsaussichten waren schlecht und oft landete er als einfacher Arbeiter in einer Fabrik, ohne Chance, seinen erlernten Beruf auch einmal auszuüben.

Die Lehrlinge waren eine rasch wachsende soziale Gruppe, die im Betrieb unterdrückt wurde und keine politischen Rechte hatte.


Die Gründung des Berliner Arbeiterjugendvereins

Die Sozialdemokratische Zeitung „Das neue Montagsblatt“ griff den Selbstmord von Paul Nähring auf. Viele Leserbriefschreiber forderten, etwas zugunsten der Lehrlinge zu unternehmen. Am 10. Oktober 1904 trafen sich 24 meist junge Leute in einer Berliner Kneipe und gründeten den „Verein der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter Berlins“. Sie setzten sich zum Ziel, „die wirtschaftlichen, rechtlichen und geistigen Interessen der Lehrlinge, jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen“ zu wahren. Dazu wollten sie Lehrlinge politisch unterstützen, ihnen Rechtsschutz und die Möglichkeit geben, sich zu bilden.

Der neu gegründete Verein wuchs schnell. In der SPD-Zeitung „Vorwärts“ stellte er sich vor und lud für den 20. November die Berliner Arbeiterjugend zu einer öffentlichen Versammlung ein. Über 800 Menschen kamen, auf einer weiteren Versammlung sechs Wochen später zählte man 1.500 Teilnehmer. Bereits im Dezember 1904 wurde der Verein in Abteilungen und Bezirke unterteilt, um die nun 500 Mitglieder in übersichtliche Gruppen mit einzelnen Leitungen aufteilen zu können.

Was tat die Arbeiterbewegung gegen die Missstände?

In dieser Zeit waren die mächtigsten Organisationen der Arbeiterbewegung die Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Was unternahmen diese Organisationen gegen diese Missstände? Wie wichtig war ihnen, dass die arbeitende Jugend politisch aktiv wurde? Die Gewerkschaften waren in den Handwerksbetrieben nicht vertreten, sondern vor allem in den großen Fabriken. Dort setzten sie sich für bessere Arbeitsbedingungen ein und hatten auch Jugendschutzbestimmungen erkämpft. Diese galten allerdings nur für Betriebe ab 10 Beschäftigten und nur für Jugendliche bis 16 Jahren. Von den erwachsenen Gewerkschaftern wurden die Jugendlichen nicht ernst genommen.

In der SPD ging die große Mehrheit unter August Bebel und Karl Kautsky davon aus, dass der Kapitalismus über kurz oder lang zusammenbrechen und die Macht automatisch der SPD zufallen würde. Für sie war es in erster Linie wichtig, eine große, organisatorisch gefestigte Partei für diese nicht ferne Zukunft stehen zu haben. Die Jugend hatte für sie in diesem Kampf keine eigenen Aufgaben.

Aber es gab auch andere Meinungen: Der linke Flügel mit Klara Zetkin und Karl Liebknecht wollte die Jugend zu revolutionären Kämpfern heranbilden, damit sie aktiv in die Klassenkämpfe eingreifen könnten. Sie wollten sie vor allem davon abhalten, als Soldaten gegen streikende Arbeiter vorzugehen. „Wer die Jugend hat, hat die Armee“, meinte Karl Liebknecht.

Der reformerische Flügel unter Eduard Bernstein ging davon aus, die kapitalistische Gesellschaft über Wahlen und die Beteiligung an der Regierung reformieren und überwinden zu können. Die Vertreter dieser Richtung setzten auf die Jugend als gut ausgebildete Funktionäre, die zunächst organisiert und geschult werden müssten.

Es war dann auch Eduard Bernsteins Zeitung „Das Neue Montagsblatt“, die über den Selbstmord Nährings berichtete und eine breite Leserbriefdebatte anstieß, was man gegen die Missstände in der Lehrlingsausbildung tun könnte.

Am 1. Januar 1905 erschien die erste Ausgabe der Zeitung „Die Arbeitende Jugend“ mit einer Auflage von zunächst 10.000 Exemplaren. Darin wurden immer wieder drastischste Fälle von Lehrlingsmisshandlungen aufgegriffen und dabei die Namen der Betriebe und Meister genannt.

Der Berliner Verein war eine wirkliche Selbstorganisation von Lehrlingen und jungen Arbeitern. Sie übernahmen alle Arbeiten im Verein. Die Jugendlichen wurden in einigen Punkten auch zeitweise von erwachsenen Sozialdemokraten unterstützt, die z.B. immer wieder Beiträge für die „Arbeitende Jugend“ beisteuerten.

Deutsches Reich um 1900Gleich zu Beginn versuchten evangelische „Jünglingsvereine“ die Versammlungen des neuen Vereins zu stören. Ihr Leiter, der immer wieder die Arbeiterbewegung angriff, sprach auf den Versammlungen und forderte dazu auf, in die christlichen Vereine einzutreten. Natürlich hatte das keinen Erfolg und die Mitglieder der Jünglingsvereine verließen lautstark den Saal. Sie gaben eine Gegenzeitung „Die arbeitende deutsche Jugend“ heraus. Nach wenigen Monaten gaben sie jedoch den Widerstand auf, weil sie keine Chance gegen die schnell wachsende Bewegung hatten.

Diese breitete sich ins Umland und andere Städte Norddeutschlands aus. Ende 1906 gründeten die einzelnen Vereine die „Vereinigung der freien Jugendorganisationen Deutschlands“ als Dachverband. Sie hatte ein Jahr später 3.800 Mitglieder und 8.500 Abonnenten der Zeitung „Die Arbeitende Jugend“.

Gründungen im Süden Deutschlands

Die Gründung in Berlin gilt zwar heute als der Beginn der organisierten Arbeiterjugend in Deutschland, war jedoch nicht der erste Zusammenschluss.

Bereits im August 1903 gründete ein eingewanderter österreichischer Arbeiter in Offenbach den „Jugendbund“ nach dem Vorbild des „Verbandes jugendlicher Arbeiter Österreichs“, der schon seit 1893 bestand. Die Mitglieder hielten Kontakt nach Wien und lasen die österreichische Zeitschrift „Der jugendliche Arbeiter“. Von Offenbach ausgehend bildete sich im März 1904 die „Vereinigung der freien jugendlichen Arbeitervereine Hessens“.

In Mannheim rief der SPD-Politiker Ludwig Frank im September 1904 den „Verband junger Arbeiter Mannheims“ ins Leben. Er nahm sich die belgischen „Jeunes Gardes“ (Jungen Garden) zum Vorbild, die als gut organisierter Jugendverband über die Ursachen von Krieg und Militarismus aufklärten und auch innerhalb der Armee arbeiteten.

Frank formulierte die Aufgabe, „die Jugend in die Gedankenwelt des Sozialismus einzuführen und sie zu tüchtigen Mitkämpfern im Befreiungskampf der Arbeiter zu erziehen.“ Der Verein pflegte eine enge Verbindung zur Sozialdemokratie und lud ihre Vertreter als Referenten zu den Vereinsabenden ein. Zu den Rednern gehörte vor allem Karl Liebknecht.

Weitere Gründungen in anderen Orten Süddeutschlands folgten, die sich am 11.02.1906 zum „Verband junger Arbeiter Deutschlands“ zusammenschlossen. Die Bewegung breitete sich schnell aus, in allen Industriegebieten und größeren Städten bildeten sich Vereine. Oft entstanden sie aus der Initiative von SPD-Ortsvereinen.

Am 1. April 1906 erschien die erste Ausgabe der Zeitung „Die junge Garde“. Die Auflage stieg auf 11.000 Exemplare. Ludwig Frank leitete die Redaktion, schrieb zu grundsätzlichen politischen Themen und aktuellen Fragen. Er berichtete immer wieder über die unmenschliche Behandlung der Rekruten in der Armee.

Im Mai 1908 hatte der Verband 4.500 Mitglieder, fast die Hälfte davon (44 %) war 18 Jahre und älter.

Die Vereinsgesetze in Deutschland

Bis 1908 waren die Regelungen über Vereine Sache der Bundesländer. Nach dem preußischen Vereinsgesetz durften Jugendlichen und Frauen nicht politisch tätig sein, also auch nicht in eine Partei eintreten oder an politischen Veranstaltungen teilnehmen. Als jugendlich galten damals alle jungen Menschen, die in der Schule oder Lehre waren, also nicht die Fabrikarbeiter. Der Berliner Verein nahm deswegen den Satz „Der Verein trägt weder politischen noch religiösen Charakter“ in die Satzung auf.

Der Begriff „Politik“ war dabei schwierig abzugrenzen. Nach der Definition des Reichsgerichts gehörten dazu alle Angelegenheiten, „welche Verfassung, Verwaltung, Gesetzgebung des Staates, die staatsbürgerlichen Rechte der Untertanen und die internationalen Beziehungen der Staaten zueinander“ betrafen. Das bedeutete, alles, was zu den Aufgaben des Staates gehört, war Politik. Das, was jenseits des Staates die Gesellschaft betraf, gehörte nicht dazu. Ein Beispiel: Jugendliche durften in Preußen keine schärferen Arbeitsschutzbestimmungen fordern, weil die Gesetzgebung Aufgabe des Staates und damit politisch war. Sie durften aber die Einhaltung der bestehenden Bestimmungen verlangen.

In Baden war Jugendlichen die politische Arbeit nicht verboten. Deswegen konnte sich der Mannheimer Verein offen zur SPD bekennen. Auch Gruppen in den Hansestädten, die nicht zum Land Preußen gehörten, schlossen sich der süddeutschen Richtung an.

Auch die Zeitschriften waren von den unterschiedlichen Gesetzen betroffen. Die Mitglieder der preußischen Gruppen lasen oft neben der „Arbeitenden Jugend“ auch noch „Die Junge Garde“, die das schrieb, was die „Arbeitende Jugend“ nicht bringen durfte.

Das Ziel der Arbeiterjugend: Erziehung zum Kampf für eine sozialistische Gesellschaft

Ludwig Frank aus Mannheim definierte das Ziel der neuen Vereine kurz und knapp: „Schutz den jungen Händen gegen die Ausbeutung - Schutz der jungen Köpfe gegen die Verdummung“.

Der Berliner Mitbegründer und spätere Vorsitzende Max Peters nannte „drei große gleichwertige Kapitel: die Aufklärung über die materielle Lage, die geistige Ausbildung und die sittliche Erziehung der Jugend“. Das Ziel der Vereine war die Erziehung und Ausbildung der jugendlichen Arbeiter zu „denkenden, furchtlos handelnden Menschen“ und „tüchtigen Funktionären der Arbeiterbewegung“ (Max Peters).

Auch die Internationale Stuttgarter Jugendkonferenz im Jahr 1907 setzte sich das Ziel, die Arbeiterjugendlichen zum Klassenkampf zu befähigen. Die Jugendlichen wurden als Teil der Arbeiterbewegung, des Proletariats, gesehen und sollten gemeinsam mit den erwachsenen Arbeitern gegen Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen. Als Erziehungsziele wurden festgelegt: „Solidarität, demokratische Gesinnung, Disziplin, Selbstbewusstsein, Opferwilligkeit, Kühnheit und Besonnenheit, deren das Proletariat in hohem Maße bedarf, um seine historische Aufgabe erfüllen zu können“.

Erster Schwerpunkt: Bildung und Kultur

Alle Vereine setzten große Anstrengungen auf die Bildung der Jugendlichen. Fast alle Arbeiterjugendlichen konnten nur die achtklassige Volksschule besuchen. Für die Kinder der Reichen war das Gymnasium vorgesehen, die des Mittelstandes besuchten die Realschulen. In den Dorfschulen auf dem Land bestand die Bildung hauptsächlich aus  Religionsunterricht, Lesen, Rechnen und Geschichtsunterricht, der zur Schwärmerei für den Kaiser, den ehemaligen Reichskanzler Bismarck und die Liebe zum Soldatentum erzog. Als Ziel nannte Kaiser Wilhelm II., „durch Pflege der Gottesfurcht und Liebe zum Vaterland die Grundlage für eine gesunde Auffassung auch der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu legen“.

Die städtischen Volksschulen waren schon fortschrittlicher. Es kamen Grundkenntnisse in Naturwissenschaften, Zeichen- und Turnunterricht dazu. Aber nicht alle Kinder konnten diese Schule abschließen, sondern manche mussten bereits mit zehn oder zwölf Jahren arbeiten.

Auch die Fortbildungsschulen, die Vorläufer der späteren Berufsschulen waren und von den Handwerkslehrlingen am Abend oder am Sonntag vormittag besucht werden mussten, waren von miserabler Qualität. Sie sollten den Einfluss des Staates auf die Jugendlichen zwischen Volksschule und Militärdienst sichern.

Um diese dürftigen Kenntnisse zu verbessern und den Bildungshunger der Jugendlichen zu stillen, wurden in den Lehrlingsvereinen Vorträge und Unterrichtskurse gehalten. Nicht nur über die Geschichte der Arbeiterbewegung und die Vorkämpfer des Sozialismus wurde informiert, sondern auch über Naturwissenschaften und volkswirtschaftliche Theorien. Ferner informierten die Referenten über den Aufbau des Staates und die Arbeitsschutzgesetze.

Wichtig war die Kulturarbeit, die über reine Unterhaltung hinausgehen sollte. Die Arbeiterbewegung sah sich als Bewahrerin des klassischen deutschen Bildungsgutes. Deswegen wurde die Literatur der „großen deutschen Dichter“ und der Sozialisten gelesen. Man besuchte Museen, Galerien und Konzerte. Wo es möglich war, wurden Büchereien und Leseräume eingerichtet. Ab 1907 gab der SPD-Vorstand Listen für gute Jugendbücher heraus, an denen sich die sozialdemokratischen Eltern und die Arbeiterbüchereien orientieren sollten.

Ab 1905 erschienen in Deutschland Serienhefte mit einfachen Detektiv-, Wildwest- oder Abenteuergeschichten. Sie hatten eine hohe Auflage und wurden von Jugendlichen gerne gelesen. Die Arbeiterjugendvereine bekämpften diese „Schundliteratur“, weil sie einen schlechten Einfluss auf Jugendliche befürchtete. Sie riefen ihre Mitglieder dazu auf, diesen „Geistesfusel“ zu meiden und führten auch Boykottaktionen gegen Geschäfte durch, die diesen „Gehirnkleister“ verkauften. Auch gegen die Kinematographentheater, später kurz Kino genannt, machten sie mobil. Einerseits wurden die Inhalte der Filme abgelehnt, andererseits hatte man Angst, die Bilderflut würde die Sinne der Jugendlichen überreizen.

Zweiter Schwerpunkt: Geselligkeit

AJ in Wuppertal

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nur wenig Möglichkeiten für Jugendliche, ihre wenige Freizeit zu gestalten. Dazu gehörten vor allem Vereine. In den Turnvereinen waren hunderttausende Arbeiterjugendliche. Ballspiele kamen um 1900 erst langsam in Mode, so z.B. das Fußballspiel. Die Kirchen sammelten ebenfalls hunderttausende Jugendliche in ihren Gruppen. Außerdem gab es Sängerbünde und Bildungsvereine. Aber sonst waren die Freizeitmöglichkeiten sehr begrenzt. Das Kino wurde gerade erst eingeführt und existierte nur in den großen Städten. Radio- und Fernsehgeräte gab es nicht. Wer nicht zu Hause Zeitung, Bücher oder Romanhefte las, ging in die Kneipe und spielte Karten.

Die gemeinsame Freizeitgestaltung der Arbeiterjugendvereine füllte also eine große Lücke. Man veranstaltete gesellige Zusammenkünfte, Unterhaltung, Exkursionen, Wanderungen, Spiele und Sport. Auf gesunde Körper wurde Wert gelegt. Sport und Wandern wurden nicht nur als Freizeitbeschäftigung gesehen und Enthaltsamkeit gegen Alkohol und Nikotin war selbstverständlich.

In der Anfangszeit waren kaum Mädchen in den Vereinen. In den erzieherischen Richtlinien wurde jedoch Wert auf das Zusammenarbeiten beider Geschlechter hingewiesen - in keinem anderen Jugendverein gab es das damals. Die Beziehungen sollten auf Achtung und Kameradschaftlichkeit, kurz auf „sexueller Sittlichkeit“ beruhen.

An den Gruppenabenden wurden gerne Lieder gesungen, zunächst Arbeiter- und Freiheitslieder, dann auch Volkslieder und Wanderlieder. Schon 1907 dichtete der Lehrer Heinrich Arnulf Eildermann ein Lied über den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer um und nannte es „Lied der Jugend“. Bis heute versteht es die Sozialistische Jugend als ihr Lied: „Dem Morgenrot entgegen“.

Dritter Schwerpunkt: Öffentlichkeitsarbeit

Um auf die Lage der arbeitenden Jugend aufmerksam zu machen, gingen die Arbeiterjugendvereine an die Öffentlichkeit. Die Zeitschrift „Arbeitende Jugend“ sollte „die Schäden, die Missstände, die Mängel, unter denen die jugendlichen Arbeiter zu leiden haben ... aus dem Dunkel der Werkstätten und Fabriken“ hervorzerren und „jene Verbrecher an der arbeitenden Jugend“ an den Pranger stellen, „die den Profit über die Gebote der Menschlichkeit stellen“ (Ausgabe 1, Januar 1905). In der Rubrik „Am Pranger der Lehrlingsschinder“ veröffentlichte die Arbeitende Jugend deswegen besonders krasse Fälle von Ausbeutung der Lehrlinge, Misshandlungen, menschenunwürdigen Unterkünften bei den Meistern und offensichtlichen Gesetzesübertretungen. Sie berichtete auch über Gerichtsverhandlungen, in denen sich Handwerksmeister wegen solcher Anklagen zu verantworten hatten. Wenn sie überhaupt verurteilt wurden, waren die Strafen meist gering.

Ein anderes wirksames Mittel waren öffentliche Jugendversammlungen, die vor allem in Berlin sehr häufig stattfanden. Der Lehrlingsverein informierte darin über unhaltbare Zustände und Arbeiterjugend Wuppertal-Elberfeld, 1908 unerträgliche Behandlung von Lehrlingen in den Handwerksbetrieben. Besonders glaubwürdig wurden die Berichte dadurch, dass die betroffenen Lehrlinge selbst berichteten. Als Versammlungsorte wurden Gaststätten oder Gewerkschaftshäuser benutzt. Tausend Jugendliche und mehr nahmen an diesen Veranstaltungen teil.

Wer war in diesen Organisationen?

1908 war nur eine verschwindend kleine Minderheit von etwa 10.000 der insgesamt 4,5 Millionen arbeitenden Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren in den Vereinen organisiert. Die Jugendbewegung existierte fast ausschließlich in den Städten, in denen auch die Arbeiterbewegung stark war. Der weitaus größte Teil der Mitglieder waren Lehrlinge, obwohl es im Deutschen Reich deutlich mehr ungelernte junge Arbeiter gab.

In den Organisationen gab es fast keine Mädchen: 1906 waren in Berlin nur zwölf der 1.268 Mitglieder weiblich. In den süddeutschen Verbänden gab es 1907 unter 4.500 Mitgliedern 250 Mädchen, also etwas mehr als fünf Prozent. Das überrascht deswegen nicht, weil im Handwerk nur Jungen lernen durften und Politik zur damaligen Zeit in weiten Kreisen als reine Männersache verstanden wurde.

Die Attacken der Gegner

In Preußen tauchten in den öffentlichen Versammlungen der Vereine regelmäßig uniformierte Polizeibeamte auf. Sie saßen mit ihrer Pickelhaube am Vorstandstisch und überprüften, ob die Versammlung keine politischen Themen behandelte. Das war in Preußen verboten. Wurde die Diskussion „politisch“, mussten die Lehrlinge den Saal verlassen oder die Versammlung wurde geschlossen. In den Jahren 1906 und 1907 wurden fünfzehn Veranstaltungen in Berlin aufgelöst und zehn erst gar nicht erlaubt. Die Verbandsmitglieder mussten daher die entsprechenden Bestimmungen der Gesetze lernen, um falsche Formulierungen zu vermeiden. Zusätzlich musste jeder Lehrlingsverein der Polizei seine Mitgliederliste und die Namen der Vorstandsmitglieder zukommen lassen.

Manchmal nahmen auch Geistliche an den Diskussionen teil, um die verlorenen Schäfchen wieder auf den rechten Pfad zu führen. Diesen traten oft Jugendliche mit kraftvollen und polemischen Äußerungen entgegen, so dass sie die Lacher auf ihrer Seite hatten. Diese Auseinandersetzungen sorgten für einen starken Besuch der Veranstaltungen. Auch die Handwerksmeister kämpften gegen die Jugendorganisationen. Sie fügten in die Lehrverträge eine Bestimmung ein, die es den Lehrlingen verbot, ohne die Genehmigung des Meisters Vereinen beizutreten oder Versammlungen zu besuchen. Zuwiderhandlung sollte nicht nur zur sofortigen Beendigung des Lehrverhältnisses, sondern auch zur Zahlung einer Entschädigung an den Meister führen. Aber auch die neuen Lehrverträge konnten den Mitgliederzuwachs der Vereine nicht bremsen.

So wurden die Arbeiterjugendlichen durch die Verfolgung geschult. Sie mussten um ihre Rechte gegen Staat und Meister kämpfen und sahen dabei deutlich, wo der Klassenfeind stand.

Diese Dokumentation wurde von Genossinnen und Genossen der SJD Die Falken, [http://www.falken-suedbayern.de/ Bezirk Südbayern] erarbeitet.

 

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